Zwischenschritt

Der Weg zur Bürgerdemokratie

Warum ich glaube, dass Veränderung Zeit braucht

Vorwort

Als ich mein Buch über die Bürgerdemokratie geschrieben habe, stand vor allem die Frage im Mittelpunkt, wie eine gerechtere und bürgernähere Demokratie aussehen könnte. Nach vielen Gesprächen wurde mir jedoch bewusst, dass die meisten Menschen zunächst eine ganz andere Frage stellen: Wie kommen wir überhaupt von unserem heutigen System zu einer Bürgerdemokratie?

Ich glaube nicht, dass man ein Land von heute auf morgen völlig umkrempeln sollte. Große Veränderungen brauchen Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nicht durch Zwang oder durch revolutionäre Brüche. Es entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben, gehört zu werden und Verantwortung übernehmen zu können.

Vielleicht braucht es deshalb zuerst einen Zwischenschritt. Eine Demokratie, die vieles bewahrt, was gut funktioniert, aber bereit ist, sich dort zu verändern, wo sich Bürger nicht mehr vertreten fühlen.

Die folgenden Gedanken sind keine fertigen Antworten. Es sind Fragen und Vorschläge eines Bürgers, der sein Leben lang gearbeitet, Verantwortung getragen und erlebt hat, wie politische Entscheidungen den Alltag ganz normaler Menschen beeinflussen.

19 Vorschläge für einen demokratischen Zwischenschritt

1
Art. 38 GG

Abgeordnete sollen ihrem Gewissen folgen

Im Grundgesetz steht bereits, dass Abgeordnete nur ihrem Gewissen verpflichtet sind. Trotzdem hört man immer wieder denselben Satz: „Warum stimmen die eigentlich immer alle gleich ab?" Ich glaube, viele Menschen wünschen sich Volksvertreter, die eigenständig denken und entscheiden. Nicht die Partei sollte am Ende das letzte Wort haben, sondern die Person, die von den Bürgern gewählt wurde.

2

Jeder Abgeordnete trägt persönliche Verantwortung

Wer in den Bundestag gewählt wird, übernimmt Verantwortung für Millionen Menschen. Deshalb sollte sich jeder Abgeordnete mit den Themen beschäftigen, über die er abstimmt. Die eigene Stimme ist keine Formalität. Sie ist ein Auftrag.

3

Koalitionen sollen den Wählerwillen widerspiegeln

Viele Menschen verstehen nicht, warum nach einer Wahl plötzlich Bündnisse entstehen, die vor der Wahl kaum jemand erwartet hätte. Vielleicht wäre es ehrlicher, wenn die stärkste Partei zuerst die Chance erhält, eine Regierung zu bilden. Gelingt dies nicht, folgt die zweitstärkste Partei und danach die drittstärkste. Das Wahlergebnis sollte möglichst nah an der politischen Wirklichkeit bleiben.

4

Minderheitsregierungen zulassen

Vielleicht brauchen wir nicht immer feste Lager. Vielleicht wäre es gesünder für die Demokratie, wenn für jedes Gesetz neue Mehrheiten gefunden werden müssten. Dann würde wieder stärker über Inhalte gesprochen und weniger über Koalitionsdisziplin.

5
Art. 46 GG · §188 StGB

Gleiche Maßstäbe bei der politischen Meinungsfreiheit

Über kaum ein Thema wird heute so emotional diskutiert wie über die Frage, was man in einer Demokratie noch sagen darf. Artikel 46 des Grundgesetzes schützt Abgeordnete vor Strafverfolgung wegen ihrer Äußerungen im Parlament. Gleichzeitig stellt §188 StGB Beleidigungen gegen Personen des politischen Lebens unter besonderen Schutz.

Ich kann nachvollziehen, warum diese Vorschriften entstanden sind. Niemand sollte bedroht oder verleumdet werden. Trotzdem halte ich die Frage für berechtigt: Warum gelten bei der politischen Rede teilweise andere Maßstäbe für Politiker als für die Bürger, die sie vertreten? Demokratie lebt vom offenen Meinungsaustausch. Nicht der Bürger steht im Dienst des Parlaments – das Parlament steht im Dienst des Bürgers.

6

Angemessene Vergütung statt Privilegien

Politische Arbeit verdient Respekt und eine angemessene Bezahlung. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass eine eigene Lebenswirklichkeit entsteht, die mit dem Alltag vieler Menschen nichts mehr zu tun hat. Transparenz bei Nebeneinkünften und nachvollziehbare Vergütungsregelungen könnten helfen, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

7

Verantwortung bedeutet auch Haftung

Als Unternehmer lernt man schnell, dass Entscheidungen Folgen haben. Wer Verantwortung trägt, muss mit den Konsequenzen leben. Viele Menschen fragen sich deshalb, warum dieser Grundsatz in der Politik oft anders wahrgenommen wird. Wer vorsätzlich oder grob fahrlässig handelt, sollte sich dafür verantworten müssen.

8

Parteinahe Stiftungen auf den Prüfstand stellen

Viele Bürger wissen gar nicht, wie viele öffentliche Gelder in parteinahe Strukturen fließen. Die Frage sollte erlaubt sein, ob diese Einrichtungen in ihrer heutigen Form noch notwendig sind oder ob Parteien sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren sollten.

9

Keine versteckte Parteienförderung

Steuergeld gehört allen Bürgern. Deshalb sollten Fördermittel transparent und politisch neutral vergeben werden. Organisationen, die aktiv parteipolitische Interessen vertreten, sollten nicht bevorzugt werden.

10

Das Volk muss bei großen Entscheidungen gefragt werden

Nicht jede Entscheidung braucht einen Volksentscheid. Aber manche Entscheidungen verändern ein Land über Jahre oder sogar Jahrzehnte. Wenn es um Krieg geht, wenn Grundrechte massiv eingeschränkt werden, wenn eine Währungsreform beschlossen wird, wenn enorme Schulden aufgenommen werden oder wenn nationale Kompetenzen dauerhaft abgegeben werden – dann sollte die Bevölkerung selbst das letzte Wort haben.

Ich denke dabei oft an die Corona-Zeit. Unabhängig davon, wie man die damaligen Entscheidungen bewertet, bleibt für mich die Frage: Sollten wenige Menschen allein über Maßnahmen entscheiden, die das Leben von Millionen beeinflussen? Ich weiß darauf keine perfekte Antwort. Aber ich finde, wir sollten darüber sprechen.

11

Transparenz bei großen Ausgaben

Es geht um das Geld der Bürger. Deshalb sollten große Projekte nachvollziehbar erklärt werden: Warum wurde diese Entscheidung getroffen? Welche Alternativen gab es? Welche Kosten entstehen? Welche Folgen ergeben sich daraus?

12

Nicht jede Behörde muss für immer bestehen

Behörden entstehen oft aus guten Gründen. Doch irgendwann sollte gefragt werden dürfen, ob sie noch gebraucht werden. Nicht jede Struktur muss dauerhaft bestehen, nur weil sie einmal geschaffen wurde.

13

Weniger politische Spitzenposten

Brauchen wir wirklich jede zusätzliche Führungsposition? Jeder Minister, jeder Staatssekretär und jede politische Leitungsfunktion sollte ihren Nutzen erklären können.

14
BeamtVG

Reform des Beamtenstatus

Beamte leisten wichtige Arbeit. Trotzdem darf die Frage gestellt werden, warum unterschiedliche Berufsgruppen unterschiedlichen Regeln unterliegen. Vielleicht braucht es langfristig ein System, in dem gleiche Rechte auch gleiche Pflichten bedeuten.

15

Gleiche Sozialsysteme für alle

Wer Regeln für andere beschließt, sollte selbst unter denselben Regeln leben. Wenn Politiker und Beamte dieselben Sozialversicherungssysteme nutzen wie die übrige Bevölkerung, könnte das das Verständnis füreinander stärken und Vertrauen zurückbringen.

16

Fachkompetenz für Minister

Wer Gesundheitsminister wird, sollte Gesundheit verstehen. Wer Wirtschaftsminister wird, sollte wirtschaftliche Erfahrung mitbringen. Wer über Arbeit spricht, sollte selbst gearbeitet haben. Demokratische Legitimation und Fachkompetenz schließen sich nicht aus. Sie ergänzen sich.

17

Lebenserfahrung statt reiner Berufspolitik

Politik entscheidet über den Alltag der Menschen. Deshalb halte ich praktische Erfahrung für wichtig. Wer einen Betrieb geführt hat, Mitarbeiter entlassen musste oder Verantwortung für andere Menschen getragen hat, trifft Entscheidungen oft anders als jemand, der ausschließlich politische Strukturen kennt.

18
Art. 146 GG

Die Frage nach einer Verfassung gemäß Artikel 146

Das Grundgesetz eröffnet selbst die Möglichkeit, dass das deutsche Volk eines Tages über eine Verfassung abstimmt. Ich sehe darin keine Gefahr, sondern einen Ausdruck demokratischer Reife. Wenn die Menschen es wollen, sollten sie über die Grundlagen ihres Zusammenlebens selbst entscheiden dürfen.

19

Der Weg zur Bürgerdemokratie

Ich glaube nicht, dass die Bürgerdemokratie morgen eingeführt werden sollte. Vielleicht muss Demokratie erst wieder gelernt werden. Bürger müssen erleben, dass ihre Stimme tatsächlich etwas bewirken kann. Politiker müssen zeigen, dass sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Privilegien zu hinterfragen.

Wenn beide Seiten diesen Weg gemeinsam gehen, entsteht Vertrauen. Und vielleicht ist genau dieses Vertrauen die Voraussetzung für den nächsten Schritt – die Bürgerdemokratie.

Schlusswort

Nicht als Revolution – sondern als Weiterentwicklung

Die Bürgerdemokratie – nicht als Revolution, nicht als radikaler Bruch, sondern als Weiterentwicklung dessen, was Demokratie ursprünglich sein sollte. Eine Staatsform, in der Menschen nicht nur regiert werden, sondern Verantwortung für ihr Gemeinwesen übernehmen.

Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, weil ich glaube, auf alles eine Antwort zu haben. Ich habe es geschrieben, weil ich den Eindruck habe, dass viele Menschen spüren, dass etwas nicht mehr richtig funktioniert – aber kaum darüber gesprochen wird, wie es besser werden könnte.

Vielleicht sind manche Gedanken unausgereift. Vielleicht werden einige Vorschläge niemals umgesetzt werden. Aber ich glaube, dass Demokratie davon lebt, Fragen stellen zu dürfen.

Muss alles so bleiben, nur weil es schon immer so war?

Das vollständige Buch → Das Bürgerdemokratie-Modell Diskutieren Sie mit